Das Fisser Blochziehen ist einer der ältesten Fasnachtsbräuche in Tirol | © Andreas Kirschner
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Fisser Blochziehen – Ein Jahr danach – Der Rückblick

Christoph | © Christoph Strigl
Christoph
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Wir schreiben Sonntag, den 28. Jänner 2018. Die Fisser Kirchturmuhr schlägt 12.30 Uhr und plötzlich ist in dem 1.000-Seelen-Dorf Fiss für einige Stunden nichts mehr so, wie es einmal war.

Die Luft knistert. Sie ist gefüllt mit dieser ominösen und einzigartigen Spannung. Geladen mit jeder Menge Energie, Vorfreude und Brauchtum, aber auch mit Schweiß und Nervosität.

Alle vier Jahre findet in Fiss das Fisser Blochziehen statt. Ein Brauch der Urahnen und einer der ältesten Tiroler Fasnachtsbräuche. 2018 war es wieder soweit und den zahlreichen Zuschauern wurde von den Protagonisten ein einmaliges Schauspiel geboten.

Ein Jahr danach - Der Rückblick aus der Bärensicht

Heute: Montag, der 28.01.2019 – ein Jahr danach. Aus vielen Köpfen ist das Fisser Blochziehen schon wieder entwichen. Der Alltag hat sich wieder eingeschlichen. Doch wir möchten euch noch einmal ins „Blochziehen-Leben“ mitnehmen und einen Blick zurückwerfen. Dafür habe ich Markus Schmid zum Interview gebeten. Er war der Bär, die Leitfigur des Blochziehens 2018.

Man kann getrost sagen, dass Markus „auffällt“. Das hat jedoch nichts mit seiner Art oder seinem Benehmen zu tun. Es liegt an seiner Körpergröße. 2 Meter und 5 Zentimeter misst der sympathische Fisser und ist damit auch in einer Menschenmenge meist recht einfach zu finden.

Der Bär, der Miasmann und Tirols Landeshauptmann Günther Platter im Landhaus für das Fisser Blochziehen | © ProMedia
Auf dem Foto v.l.n.r.: Markus Schmid (Bär), Roland Pregenzer (Miasmann) und Tirols Landeshauptmann Günther Platter.

Der Start: Das Blochbaumholen

Christoph: Das Blochziehen beginnt im Oktober, wenn der Blochbaum aus dem Fisser Wald geholt wird. Du warst natürlich auch dabei. Erzähl uns etwas über den Ablauf.

Markus: Rund 40 Fisser Männer gehen an einem Tag im Oktober in den Wald um den Blochbaum, einen mächtigen Zirbenstamm, zu holen. Dieser wird vom Waldaufseher ausgesucht und spendiert. Ein Mitarbeiter der Agrargemeinschaft schneidet den Baum schlussendlich um. Dann wird er in zwei Teile zerlegt und ins Dorf transportiert. Der erste Teil auf einem LKW und der zweite Teil des Baumes wird mit einem Traktor ins Dorf gezogen. Gelenkt wird der Stamm von Hand. Dafür braucht es immer mindestens vier Männer.

Markus und seine Blochziehen-Geschichte

Christoph: Wie oft warst du schon beim Blochziehen dabei?

Markus: Insgesamt war es das achte Mal. Vier Mal beim Kinderblochziehen und vier Mal beim Blochziehen der Erwachsenen.
 

Christoph: Wann hast du erfahren, dass du den Bären spielen und damit die Leitfigur des Blochziehens 2018 darstellen wirst?

Markus: Ende September bzw. Anfang Oktober wurden die Rollen zugeteilt. Dafür gibt es im Blochziehen Komitee einen eigenen Ausschuss, welcher für die Rollenverteilung zuständig ist. Was bei uns etwas Besonderes ist: Die Rollen werden nicht vererbt, so wie es bei anderen Fasnachten oftmals üblich ist. Das macht alles natürlich etwas spannender. Sowohl für die Teilnehmer als auch für die Zuschauer.


Christoph: Wann war der Bär das letzte Mal die Leitfigur beim Blochziehen?

Markus: 1994. Die Leitfigur wird bei jedem Blochziehen getauscht. Auch die Leitfigur für 2022 steht bereits fest. Verraten dürfen wir sie natürlich noch nicht.


Christoph: Wie laufen die letzten Tage vor dem Blochziehen ab?

Markus: In den letzten Tagen wird das „Gwand“ (Bekleidung) überprüft und ich bereite meine gewissen Plätze vor. Zudem gehe ich zu den Hausbesitzerinnen und Hausbesitzern in Fiss, bei denen ich meine Pausen einlege und frage nach, ob es wieder OK ist, wenn ich bei ihnen meine Rast mache und ob sie mir einen Stuhl zum Hinsetzen, etwas zu essen und vor allem zu trinken vorbereiten können. Das ist glücklicherweise nie ein Problem. Alles was im Vorhinein erledigt wird, muss am Tag des Blochziehens nicht mehr gemacht werden.

Blut, Schweiß und ein "kanadischer Fisser"

Christoph: Was war dein persönliches Highlight bzw. was wird dir in Erinnerung bleiben?

Markus: Mir ist ein Fauxpas passiert. Als ich mit dem Miasmann beim Toalstock gerauft habe, habe ich mir eine blutige Nase geholt. So musste ich vom Toalstock bis zur Vorstatt immer wieder mein eigenes Blut trinken, denn ich konnte ja nicht einfach meine Maske ablegen. Der Weg ist ca. 400 Meter lang und dauerte 10 bis 15 Minuten. Das war geschmacklich kein besonderes Highlight, aber da muss man halt durch. Ansonsten war der Ablauf absolut perfekt.
 

Christoph: Warum muss jeder mindestens einmal beim Fisser Blochziehen gewesen sein?

Markus: Man kann sich mittlerweile das ganze Treiben auf Fotos und Filmen ansehen. Die richtigen Emotionen und die Bedeutung des Blochziehens kann man jedoch nur spüren, wenn man live vor Ort ist.


Christoph: Wenn du das Blochziehen mit einem Wort beschreiben müsstest, welches wäre das?

Markus: Tradition


Christoph: Was bedeutet dir das Fisser Blochziehen?

Markus: Als Fisser wird einem das „Blochziehen-Gen“ in die Wiege gelegt. Beim Blochziehen gibt es diesen ganz besonderen Zusammenhalt im Dorf. Alle die mitmachen, ziehen an einem Strang. Für mich ist es immer wieder beeindruckend, was so manche Fisser für das Blochziehen auf sich nehmen. Ein Fisser, der mittlerweile in Kanada lebt und arbeitet, ist extra für das Blochziehen nach Fiss gekommen, um daran teilnehmen zu können. Viele nehmen sich frei, um mitmachen und trainieren zu können. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass wir uns mitten in der Hochsaison befinden.


Christoph: Wie war das letztjährige Blochziehen? Ist alles reibungslos verlaufen?

Markus: Es ist perfekt gelaufen. Es waren sehr viele Besucher und auch das Wetter hat mitgespielt. 

Die Fisser Frauen - die Heldinnen hinter den Kulissen

Christoph: Beim Fisser Blochziehen dürfen nur Fisser Männer mitmachen. Aber ohne die Frauen würde, wie so oft im Leben, nichts funktionieren. Welche Aufgaben erledigen die Frauen?

Markus: Die Frauen bereiten unter anderem die Kostüme vor, übernehmen das Schminken der Teilnehmer und kümmern sich um die Verpflegung. Im letzten Jahr wurde beispielsweise das Kostüm vom Miasmann von Grund auf neu gemacht. Eines ist sicher: Beim Umzug nehmen nur Männer teil, aber ohne unsere Frauen würde nichts gehen.


Christoph: Wie viele Fisser und Fisserinnen benötigt es, um das Blochziehen abwickeln zu können?

Markus: Insgesamt sind wir rund 300 Beteiligte. Bei 1.000 Einwohnern ist das fast jeder dritte Einwohner. Nicht zu vergessen: Die Fisser Kinder bis 15 Jahren dürfen beim Blochziehen der Erwachsenen noch nicht mitmachen.

Der Fisser Bürgermeister schreitet zur Tat...

Christoph: Nach dem Umzug kommt der große Auftritt des Fisser Bürgermeisters. Am Fonnes wird der Blochbaum versteigert. Um wie viel wurde der Blochbaum 2018 versteigert und was passiert mit dem Geld bzw. dem Baum?

Markus: Der Baum wurde um € 17.600,00 an den Samnauner Architekten Hansjörg Kolednik versteigert. Was der Sieger der Auktion mit dem Baum macht, ist ihm überlassen. Verbrennen wird er ihn hoffentlich nicht.
Ein Gewinner hat beispielsweise eine Zirbenstube in seinem Hotel aus dem Blochbaum gemacht. Diese ist wirklich wunderschön geworden.

Den Erlös bekommt der Fisser Blochbaumverein. Er wird in neue Gewänder und Masken investiert. Ein Teil wird an die Fisser Vereine verteilt.

2020 - Fiss gehört an einem Tag wieder den Kindern

Christoph: 2020 findet wieder das Kinderblochziehen statt. Ab welchem Alter bzw. bis zu welchem Alter darf man daran teilnehmen?

Markus: Teilnehmen dürfen die Fisser Burschen von 6 bis 14 Jahren. Der Termin ist noch nicht fixiert, sollte aber bald stehen. Auch hier kann ich nur dazu appellieren, sich dieses Treiben live anzusehen. Es ist fantastisch zu sehen, mit welcher Freude und mit welchem Enthusiasmus die Fisser Burschen dabei sind. Und man darf nie vergessen, dass sie irgendwann unsere Nachfolger werden.

Christoph: Danke Markus für das Gespräch. Wenn man das so mitbekommt, freut man sich schon auf das nächste Fisser Blochziehen, welches am 30. Jänner 2022 stattfinden wird.

Markus: Vielen Dank und ein großes Dankeschön nochmals an alle Beteiligten, die solch eine Veranstaltung überhaupt möglich machen. Auch ich freue mich schon darauf, 2022 wieder dabei sein zu dürfen.

Gruppenfoto vom Fisser Blochziehen 2018 in Tirol | © Manuel Pale
Gruppenfoto vom Fisser Blochziehen 2018.

Weitere Blogartikel zum Fisser Blochziehen

Man sieht, dass das Fisser Blochziehen gelebt und die Tradition hochgehalten wird. Wusstet ihr, dass das Fisser Blochziehen 2011 in das Nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESO in Österreich aufgenommen wurde?

Wir haben uns im SFL Blog intensiv mit dem Fisser Blochziehen beschäftigt. Weitere Artikel über den Tiroler Fasnachtsbrauch findet ihr nachstehend:


Wie bereits im Artikel verraten wurde, gibt es 2020 wieder das Kinderblochziehen. Natürlich werden wir im Vorfeld auch darüber in unserem Blog berichten. In einem Artikel haben wir uns schon damit beschäftigt. Dort haben uns Clemens und Felix (9 und 12 Jahre) über ihre Erlebnisse beim Kinderblochziehen berichtet. Den Artikel findet ihr hier.