Dämmerstimmung Pistenbully  vor Bergkulisse am Masnerkopf im Skigebiet Serfaus-Fiss-Ladis in Tirol | © Manuel Juen
Blogautorin Andrea Serfaus-Fiss-Ladis | © christianwaldegger.com
Andrea

Portrait eines Pistenbully-Fahrers

24.03.2022 · Dabei sein, Winter
Gesteuert werden die 32 Präpariermaschinen in Serfaus-Fiss-Ladis derzeit ausschließlich von Männern. Heute wird neben dem erfahrenen Bully-Rider Manuel jedoch eine Dame Platz in Serfaus nehmen: meine Wenigkeit. Ich kann mein Glück kaum fassen und hoffe, dass mir weder Kälte, Steilheit noch Dunkelheit etwas anhaben können. Ein bisschen mulmig ist mir schon.

Lesezeit: 5-6 Minuten

214 km und 32 Kraftpakete

Täglich wird das SPIELFELD, bestehend aus 214 Pistenkilometern, im Skigebiet Serfaus-Fiss-Ladis von nachtaktiven und engagierten Pistenbully-Fahrern präpariert. Wenn die letzten Wintersportler die Pisten verlassen, erwachen die rund 32 meist rot lackierten Bergsteiger zum Leben. ANPFIFF für das Spiel am Berg ist für gewöhnlich um 17.00 UHR. Die mutigen „Pistenplayer“ bringen in den Dämmer- und Nachtstunden ordentlich viele Pistenkilometer hinter sich. „Bis zu 50 KM PISTEN präpariert ein Fahrer pro Schicht“, verrät mir MANUEL, der schon immer ein Fan von großen Maschinen war und seit einigen Wintern als Pistenbully-Fahrer arbeitet.

Dabei verbringen die Rider beinahe mehr Zeit in ihrem mobilen WOHNZIMMER als in ihren eigenen vier Wänden. Wenn alles nach Plan läuft, fahren sie von 17.00 Uhr bis 1.00 Uhr nachts. Der Beginn der Arbeit des Präparierungsteams ist gleichzeitig das Ende des Skitages. Eine Stunde bevor die Maschinen angeworfen werden, findet eine Besprechung mit Betriebsleiter Alfred Stadelwieser statt. Seine Serfauser MANNSCHAFT besteht aus 17 Spielern bzw. natürlich Fahrern. Ein Kinderspiel ist es nämlich keinesfalls. Wenn um 1.00 UHR dann alle Pisten gewalzt sind, dann haben sie für heute wieder gewonnen.

Neben einer Lagebesprechung werden zudem alle Maschinen vor Dienstbeginn überprüft. „Sicherheit geht immer vor. Die Arbeitsgeräte müssen passen. Bei starkem SCHNEEFALL rücken meine Jungs erst in den Morgenstunden ab 3.00 UHR aus“, erklärt Alfred. „Untertags findet keine Pistenpräparierung statt. Da wären ja sonst abwechselnd Pistensperrungen notwendig. Darüber würden sich unsere Wintersportler kaum freuen. Zudem steigt die Gefahr einer Kollision mit einer Pistenraupe. Das geht einfach nicht. Ein weiterer Nachteil besteht darin, dass der gewalzte Schnee untertags nicht mehr DURCHFRIEREN kann. Die Pisten würden in Kürze sehr hügelig werden."

12 Tonnen und 530 PS

„Ein Pistenbully ist kein Leichtgewicht. Beachtliche 12 Tonnen bringt er auf die Waage. Damit wir mühelos auf jeden noch so STEILEN HANG raufkommen, braucht es schon ein paar mehr Pferdestärken. Unsere Maschinen haben 520 PS. Mühelos kommen wir überall rauf und walzen alles platt. Kontrolliert natürlich. Es ist ja kein KINDERSPIELZEUG. Auch, wenn es echt viel Spaß macht, mit den Bullys zu fahren, darf die Verantwortung nicht unterschätzt werden. Mit so viel PS können wir selbst große Schneemassen mit Leichtigkeit aus dem Weg räumen. Vorne ist dazu ein SCHILD angebracht. Die Spurbreite beträgt 4,5 m“, erzählt Manuel.

Bei so viel Power schlagen alle MÄNNERHERZEN schneller. Und zugegeben: Auch mein Damenherz. „Hinten befindet sich die FRÄSE, die für das FINISH zuständig ist. Die Pistenraupe verdichtet mit ihren Ketten den Schnee. Gleichzeitig wird der Schnee durch die Fräse gejagt. Die Oberfläche wird glatt gezogen und die RILLEN, die jeder Wintersportler kennt, entstehen. Der Vorteil: Der Schnee kann durch die Rillen in der Nacht besser durchfrieren und er wird schön GRIFFIG.“

Anpfiff

In Serfaus sind insgesamt 17 PISTENRAUPEN unterwegs. In Fiss-Ladis sind es 16. Bevor sie zu ihrem abendlichen und nächtlichen Einsatz kommen, parken sie an der Mittelstation der KOMPERDELLBAHN. Zudem stehen einige Maschinen etwas unterhalb der Station unweit der Schalber Alm. Die Kollegen in Fiss parken die Hälfte ihrer Maschinen am Fisser Joch. Der Rest startet an der Talstation der SCHÖNJOCHBAHN.

Auch „unsere“ Pistenmaschine braucht Auslauf und bittet auf den unteren Parkplätzen zum Einstieg. Ich bin AUFGEREGT. Weniger elegant, aber vorsichtig klettere ich über das Kettenband und kämpfe mich ins Innere des respekteinflößend großen Pistenbullys. Manuel nimmt ebenfalls Platz im COCKPIT, dreht Radio & Heizung auf und wir schnallen uns beide an. Ich sichtlich ein wenig nervöser als er. Langsam wird es angenehm WARM. Frieren müssen die Fahrer also nicht. Mittels HALBLENKRAD und Joystick navigiert er unser Gefährt zur Tankstation am Komperdell. Anschließend geht’s ab auf die Piste.

Sinnvolles Schneemanagement

Ich bin überrascht: Das Führerhaus ist modern und erinnert an ein FORMEL1-AUTO oder gar Flugzeug. Die SPORTSITZE sind bequem. Knöpfe und Steuerungselemente so weit das Auge reicht. Da braucht es bestimmt einige Wochen Einschulung, bis man Herr des Bullys wird und über all seine Funktionen Bescheid weiß? „Einen speziellen FÜHRERSCHEIN braucht es nicht. Nach einer intensiven Einführungsphase kann man den schweren Bully schon steuern“, so Manuel. Während unser Gefährt immer mehr in die Vertikale getrieben wird, fühle ich mich wie bei einem RAKETENSTART. Auch wenn wir wahrscheinlich nur maximal 20 km/h fahren. Durch die Schwerkraft werde ich ganz schön in den Sitz gedrückt. Die Zahl der Pistenkilometer unter uns steigt und die Dämmerstimmung VERZUPFT sich allmählich. Es wird dunkel.

Auf dem Display wird dem Fahrer unter anderem die genaue Schneehöhe angezeigt. „Bei allen Pistengeräten in Serfaus-Fiss-Ladis ist ein sogenanntes SCHNEEHÖHENMESSGERÄT integriert. Noch bevor der erste Schnee liegt, wird das Gelände genauestens vermessen. Via GPS wird dann die Differenz zwischen ursprünglichem Gelände und der Schneehöhe ermittelt. Wir wissen somit immer, wie viel Schnee sich unter uns befindet. Schneemassen können so zentimetergenau und RESSOURCENSCHONEND verteilt werden“, erzählt Manuel. Sinnvolles Schneemanagement beginnt aber schon bei der Beschneiung. Das habe ich ja bereits beim Besuch der Beschneier herausgefunden.

1.400 m Seillänge

9 der 17 kraftvollen Pistenraupen in Serfaus sind mit einer WINDE ausgestattet. Durch die Seilwinden-Unterstützung können auch die sehr steilen Pisten im Skigebiet ohne Gefahr präpariert werden. Die Seillängen variieren dabei je nach Pistenraupe. „Das längste Seil bei uns ist 1.400 METER lang. So kann die Obere Scheidabfahrt mit nur einer Winde präpariert werden“, verrät Manuel.

Manuel präpariert heute beispielsweise die PEZID-VERTIKAL. Wie der Name bereits verrät, geht’s bei der Präparierung dieser Piste ganz schön in die Vertikale. Der Blick vom Pezid (2.770 m) auf das restliche Skigebiet ändert sich schlagartig. Die LICHTER der Pistenraupen in den UMLIEGENDEN SKIGEBIETEN in Österreich und der Schweiz sind zu erkennen. Die Fahrer sind also NIE ALLEINE. Wie Glühwürmchen erscheinen mir die Bullys in der Ferne. Beeindruckend.

Bei meiner Mitfahrt habe ich Respekt, die langjährige Erfahrung meines Fahrers und der Gurt vermitteln mir jedoch ein Gefühl von Sicherheit. Ich genieße ein GEFÄLLE von bis zu 60% und lasse mich „mutig“ auf diese neue Erfahrung ein. Bergab versuche ich meinen Körper, der ganz schön im Gurt hängt, zurück in den Sitz zu drücken. Mensch und Maschine geraten hier definitiv an ihre Grenzen. Bei der Lazid-Nord-Abfahrt (Pistennummer 125) wird es dann noch steiler: bis zu 76%. Nach nur wenigen Fahrten gewöhne ich mich an die extreme STEILHEIT, als hätte ich nie einen anderen Arbeitsplatz gehabt. Der Blick auf die Schneelandschaft ist atemberaubend. Ich freue mich wie ein kleines Kind und kann langsam VERSTEHEN, was Manuel so fasziniert.

4 Tonnen Zugkraft

Damit der Senkrechtakt möglich ist, hängt Manuel den Pistenbully oben am Gipfel an einem ANKERPUNKT (Befestigungspunkt) ein. Am Seil hängend klettert der Bully dann mit einer Zugkraft von bis zu 4 TONNEN talwärts. Die Zugkraft kann dabei individuell vom Fahrer geregelt werden. Bei meiner Fahrt fällt mir zudem auf, wie wendig der Kraftkoloss ist. Der Windenaufbau ist nämlich so montiert, dass er sich 360 GRAD drehen kann. Unten angekommen, blicke ich in wenigen Sekunden wieder bergwärts. STARRIG ist der Pistenbully also keinesfalls.

still und dunkel

Die letzten Skifahrer haben schon lange die Pisten verlassen. Im Skigebiet ist es magisch still und dunkel. Um 19.00 Uhr erreichen wir den MASNER auf 2.450 Meter Höhe, um dort unsere PAUSE zu machen. Manuel parkt vor der Skihütte Masner. Scheinwerfer aus, Dunkelheit an. Ich klettere beinahe blind über das rechte Kettenband aus der Fahrerkabine und höre …. NICHTS. Unglaublich!

Wir stapfen durch den Schnee und betreten die Skihütte Masner. Einige MItarbeiter der Seilbahnrestaurants verbringen in den Wintermonaten nicht nur ihren Arbeitstag, sondern auch ihre Nächte im Bergrestaurant. Einige sind gerade beim ABENDESSEN, andere vertreiben sich die Zeit mit TISCHFUSSBALL oder plaudern miteinander. Nach der Stärkung geht es für die Jungs und auch Manuel und mich weiter. Die Nacht ist noch JUNG.

bEWEGTE Eindrücke

Drohnenvideo - Clemens Öttl

Mein Fazit

Was man nicht sieht, weiß man weniger zu schätzen. Nun habe ich aber die große Leistung der engagierten Helden der Nacht mit eigenen Augen gesehen. Sie sind UNERSCHROCKENE Typen. Ihr Herz schlägt für große, kraftvolle Maschinen, sie führen ihre Arbeit mit großem Einsatz aus und BRENNEN einfach für ihren Job bei den Bergbahnen. Wenn ich das nächste Mal über die Piste wedle, dann blicke ich mit Sicherheit auf meinen Besuch bei den Pistenbully-Fahrern zurück. Er war ereignisreich und einfach unvergesslich.

DANKE liebe Rider. Ihr rockt die Pisten in der Nacht, damit wir die Pisten am Tag rocken dürfen. Chapeau!

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